Renaissance eines vergessenen Berges — Weingut Müller-Catoir

Renaissance eines vergessenen Berges

Es begann, wie so manchmal im Leben, mit einem ungeheuren Gerumpel. Dort, wo sich vor Jahrmillionen eine schier endlose Ebene ausgebreitet hatte, tat sich unversehens ein 3000 Meter tiefer und 300 Kilometer langer Spalt auf. Der Oberrheingraben. Links und rechts des Grabens aber schoben sich die Erdmassen bis zu eintausend Meter hoch in den Himmel. Das war vor 50 Millionen Jahren. Und jetzt zoomen wir uns ein: Vor uns liegt das Weinbiet-Massiv am Ostrand des Pfälzerwalds. Und an seiner südöstlichen und südlichen Flanke, unterhalb des Bergsteins, sollte sich dann einmal - natürlich viel, viel später - eine riesige Chance für den Weinbau ergeben. Den Weinbau der Stadt Neustadt.

 

Wir machen einen Sprung in die Jetztzeit und schauen von der Hambacher Höhe über die Neustadter Altstadt, bis unser Blick an dem steilen Bergbuckel gegenüber der Stadt hängenbleibt. Oben rechts blitzt das Deidesheimer Tempelchen (benannt nach dem Weingutsbesitzer Friedrich Deidesheimer) hervor, links ziehen sich Weinterrassen bis 260 Meter hoch zum Waldessaum, dazwischen der beliebte Sonnenweg in Ost-West-Richtung. Hier also, am Sonnenweg, bringen sich seit ein paar Jahren fünf Neustadter Weingüter in lange vernachlässigten Gewannen ein, darunter drei mit einer Affinität zum Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium. Sie erwarten sich von ihrer Arbeit an den zum großen Teil steilen Hängen auf mittlere Sicht einen Pfälzer Tropfen, der seinesgleichen sucht.

 

Nun gibt es entlang des vom Buntsandstein geprägten Haardtgebirges zahlreiche exzellente Weinmacher, die sich mit ihren Gütern auch deutlich in die Rheinebene vorgewagt haben. Wobei nachzutragen wäre, dass eingangs erwähnter Grabenbruch - eine Schwachstelle in der Erdkruste von Basel bis Frankfurt - sich längst auf die gleiche Höhe wieder verfüllt hat mit Sedimenten aus Rotliegendem, Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper, Sand, Kies und dem alles überlagernden feinkörnigen, sehr fruchtbaren Löss, den uns die Gletschervorfelder der Eiszeit hinterlassen haben.

 

Was macht also das Geheimnis der zahllosen Terrassen unter und über dem Sonnenweg im Jahr 2022 aus? Es ist die Renaissance eines wertvollen städtischen Flurstücks, welches die Stadtbewohner bereits seit dem Mittelalter für den Weinanbau nutzten, das dann aber irgendwann ab den 1960-er Jahren an Bedeutung verlor. Das Wirtschaftsleben nach dem Krieg kam in Fluss, die Menschen standen wieder in fester Arbeit, ihnen ging es immer besser, sie wurden auch bequemer, und den Rücken wollten nur noch die wenigsten krumm machen in den jäh ansteigenden Wingertzeilen oberhalb der Sauterstraße.

 

Hinzu kam der Verfall der gemeinschaftlichen Wildzäune am Waldrand, der Ankauf von Parzellen durch „Städter" als Freizeitgrundstücke, die Planung einer Ortsumgehung der B 39 im Verlauf des Sonnenwegs sowie eine teilweise Wohnbebauung bis Anfang der 1960-er Jahre und die damit verbundene Bauspekulation, wie Klaus Hünerfauth von der städtischen Naturschutzbehörde weiß. In der Folge verbuschte die Stufenformation, die in ihrer Komplexität ihresgleichen sucht. Damit nicht genug, drückte und drückt der einst weit oben über der Stadt in Schach gehaltene Bergwald unaufhaltsam nach unten. Die größte noch erhaltene historische Wein-Kulturlandschaft am Haardtrand, ein unschätzbares Kleinod auch für Neustadts Tourismus, wäre in der Folge zerstört.

 

Einen vergleichbaren Süd-Terrassenhang gab es einst am Ausgang des Isenachtals in Bad Dürkheim („Sonnenwende"), der nach dem Krieg jedoch bebaut beziehungsweise wiederbewaldet wurde.

 

Was aber bewegte die oben erwähnten drei biologisch wirtschaftenden Weingüter A. Christmann (Gimmeldingen), Müller-Catoir (Haardt) und F. John (Königsbach) dazu, sich am Sonnenweg zu engagieren? Zwei Hauptpunkte sind es:  Zum einen ist es das sogenannte Terroir, das ihr Interesse weckte, also hier das exzellente Zusammenspiel von Boden, Kleinklima und Topografie. Zum anderen ist es der Wunsch, im Landschafts- und Vogelschutzgebiet „Haardtrand - Am Vogelsang" durch ökologisches Wirtschaften einen Beitrag zum Naturschutz zu leisten.

 

Das Jahr 2018, dem Pachtbeginn der Stadt mit A. Christmann und Müller-Catoir, bedeutete in den Gewannen Vogelsang, Fenichelberg und Ziegelberg einen radikalen Einschnitt für die konventionelle Produktion: Stopp für Kunstdünger und Pestizide, weniger intensive Bodenbearbeitung durch häufiges Mulchen, das Pflanzen- und Tierhabitate zerstört. Zum Erhalt der wärmeliebenden, ortstypischen Arten ist ferner das Roden und regelmäßige Zurückschneiden erforderlich, um eine zu starke Beschattung zu vermeiden, sowie der arbeitsaufwändige Schutz der Trockenmauern in der steinreichen Kulturlandschaft.

 

Clement Heber vom städtischen Naturschutzbeirat macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, für eine Mischung offener, heiß-trockener und extensiv bewirtschafteter Flächen mit ver-buschten Bereichen und Heckenzügen zu sorgen. „Dies zusammen mit der Lage am Waldrand ist die Grundlage der hohen Artenvielfalt." An geflügelten Bewohnern im Sonnenweg-Bereich nennt er Habicht, Sperber, Turmfalke, Ziegenmelker, Wiedehopf, Neuntöter, Grünspecht, Zaunammer, Bluthänfling und - seltener - die Zippammer. Zu den häufig anzutreffenden Reptilien zählen Schlingnatter und Mauereidechse. Bei den Insekten ist eine reiche Wildbienen-Fauna vorzufinden. „Die Mauern sind ein wichtiges Bruthabitat. Die artenreiche standorttypische Blühpflanzenwelt gilt es zu fördern und neu zu installieren. Das ist die Nahrungsgrundlage." Braunauge und Mauerfuchs stehen stellvertretend für die Schmetterlinge.

 

Das Bemerkenswerte an den von Philipp Catoir (KRG-Abi 1990) und Steffen Christmann (KRG-Abi 1984) gepachteten städtischen Rebflächen ist das „Bodengold", nämlich eine ausgedehnte Muschelkalkplatte, wie sie hierzulande kaum zu finden ist. Beide VDP-Weingüter bauen Riesling und Spätburgunder über der Altstadt an, in der Hoffnung, mit diesem Projekt ihr Lagenportfolio signifikant zu bereichern.

 

Es bleibt spannend zu sehen, wie sich das Terrain oberhalb der Sauterstrasse in westlicher Richtung durch seine wiedererwachte landwirtschaftliche Nutzung bei gleichzeitiger Rücksichtnahme auf die Belange der Natur weiterentwickelt.

 

Wilfried Jakobi | Jahresbericht 2021 | Studiengenossenschaft Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium Neustadt an der Weinstrasse

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gepostet am 20.07.2022   —   PDF

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